Weihnachten

Der Tag, vor dem ich mich lange gefürchtet hatte, war nun gekommen. Weihnachten! Doch als ich meine Augen öffnete, hatte ich nicht die Depressionen, die ich von den ganzen Jahren zuvor gewohnt war. Selbst, als ich das Radio anmachte und da Weihnachtslieder rauskamen, konnte es meine Stimmung nicht negativ beeinflussen. Auch mein Frühstück bereitete ich mir beschwingt zu, bis die in den Nachrichten dann sagten, dass wir schon beginnender Nachmittag hatten.

Fuck! Janine! Ich hatte nach dem Aufstehen gar nicht auf mein Handy geschaut, da ich zu viel Druck im Tank hatte und der ganz dringend raus musste. Aber nein, Janine hatte mir nicht geschrieben. Wie sie ja sagte, standen ihre Eltern an Weihnachten immer zeitig auf, um noch letzte Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Es wäre ein Ritual, so Janine. Allerdings das unsinnigste und stressigstes, welches sie kannte.

Gut. Schnell runter mit dem Frühstück und Mittagessen auf den Ofen. So ein bisschen musste man die Zeiten ja einhalten. Es war alles so schön! Bis auf eins. Draussen lag kein Schnee. Voll bescheuert, Weihnachten ohne Schnee. Wobei, es war auch Weihnachten ohne Baum! Nun, war jetzt nicht mehr zu ändern. Es würde aber das letzte Weihnachten ohne diese Verzierung sein, so viel war mir jetzt schon klar. Vielleicht sogar mein letztes Weihnachten, wenn auch vielleicht nur für eine gewisse Zeit, welches ich alleine verbringen musste.

Mein Mittagessen nahm ich halb liegend auf dem Sofa zu mir und schaute in den Fernseher. Einer meiner Helden würde gleich einen Bösewicht aus einem Hochhaus werfen und ich hatte wirklich Freude daran! Den Film hatte ich bislang jedes Jahr gesehen, schaltete dann aber immer ab, wenn der Böse auf dem Boden aufschlug. Hinterher ging mein Held nämlich zu seiner Frau, die er eben gerettet hatte, küsste und umarmte sie. Wie oft hatte ich mir gewünscht, ebenfalls in so eine Situation zu geraten? Lieber hätte ich überall geblutet und die Füsse voller Glasscherben gehabt, als alleine zu sein. Wobei, auch wenn meine Kondition ganz gut war, ich wäre wahrscheinlich nach den ersten zehn Minuten schon draufgegangen!

Der Abend kam und mittlerweile hatte sich auch Janine gemeldet. Die war jedoch in keiner besonders guten Stimmung und entsprechend kurz und nichtssagend waren ihre Nachrichten. Es würde auch noch ein bisschen dauern, bis ich eine Nachricht aus der Kneipe bekommen würde, da die zwischen 18 und 23 Uhr geschlossen war und erst hinterher den einsamen Seelen eine Bleibe bot.

Also, Teil zwei dieser Filmreihe. Das würde noch passen! Immer noch liegend dachte ich gerade daran, mir Abendessen zu machen. Es war immerhin schon gut zwei Stunden her, seit ich das letzte Mal etwas zu mir genommen hatte und bei meiner Statur konnte das tödlich sein! Auch Janine würde gleich essen, von daher würde ich da nichts verpassen. Doch bevor ich meine müden Knochen erheben konnte, klingelte es.

Total verwirrt ging ich an die Tür. Weder hatte ich jemand erwartet, noch fiel mir irgendwer ein, der sich an diesem Tag, um diese Uhrzeit zu mir verirren würde. Also öffnete ich verwundert die Tür und mich traf der Schlag!

»Tony? Hast du Zeit, oder komme ich ungelegen?«

Abigail. Da stand Abigail! Aber nicht mit verheulten Augen, oder womit ich sonst gerechnet hatte. Sie schien fröhlich zu sein.

»Öhm ja, eigentlich schon. Komm rein!«

Ach, war da nicht was mit Tür zuknallen? Vorsatz fürs neue Jahr: Vorsätze mal ernst nehmen!

Abigail kam rein, schaute sich einen Moment um und suchte sich dann einen Platz auf einem der Sessel.

»Hast du die Wohnung eingerichtet?«

»Nö. Das war eine meiner vielen Ex-Freundinnen!«

Ja, ich war ziemlich sarkastisch, da die Frage echt bescheuert war.

»Tut mir leid, dass war eine blöde Frage!«

»Was machst du eigentlich hier? Hast du keine Angst, dass ich dein Ansehen zu sehr beschmutze? Oder hast du dich im Schutz der Dunkelheit hergeschlichen?«

»Tony, ich weiss selbst das es extrem dumm war, was ich da gemacht habe. Deshalb bin ich auch hier. Ich will dich um Verzeihung bitten!«

Klar. Wenn ich das angenommen hätte, wäre wahrscheinlich irgendeine Bitte gekommen.

»Ich weiss nicht Gail. Du hast mir damit ganz schön weh getan. Weit mehr, als ich dir sagen kann.«

Sie bekam einen unglaublich traurigen Gesichtsausdruck und ihre Stimme wurde fast unhörbar leise.

»Das weiss ich. Aber falls es dir hilft, genau deshalb habe ich heute mit Roman Schluss gemacht.«

Wie bitte? Sie hatte mit Roman Schluss gemacht? Wegen mir?

»Was? Wegen mir?«

»Nein, nicht direkt wegen dir. Wegen seinen Vorstellungen. Deine Gegenwart sollte ich meiden, weil du dick bist. Verschiedene Pullover sollte ich nicht anziehen, weil die zu altmodisch wirken. Meine Nägel durfte ich mir nicht French lackieren, weil das zu mainstream ist. Roman denkt fast nur daran, wie er auf andere wirkt, welche Meinung sie über ihn haben.«

Komisch. Als ich ihr das sagte hiess es nur, ich gönne ihr ihr Glück nicht. Beeindruckend, wie die Zeiten sich änderten.

»Und jetzt? Du bist wieder solo und ich wieder gut genug für dich, oder wie?«

»Tony! Ich bin hier, um dich offiziell um Verzeihung zu bitten. Nimm meine Entschuldigung an, oder tue es nicht! Hör aber bitte auf, mir mein schlechtes Gewissen noch schlechter zu machen! Ich weiss doch selbst, was ich für ein dummes Arschloch war!«

Na hoppla! Sie schien es ja wirklich ernst zu meinen.

»Ist schon gut Gail. Versteh mich aber bitte! Ich war gerade mit viel Mühe aus meinem Loch gekrochen und dann hast du mir einen Vorschlaghammer auf den Kopf geknüppelt.«

»Das tut mir so leid Tony! Ich kenne viele Menschen, bei denen es gerechtfertigt wäre, aber du hattest das echt nicht verdient!«

Ach ne. Kam jetzt die Schiene wieder. Ich bin ja so ein toller Typ. Ein Mann, mit dem man Pferde stehlen kann, solange man danach mit einem heissen Kerl ins Bett geht.

»Schwamm drüber. Zum Glück gibt es Menschen, die mich sofort wieder nach oben gezogen haben.«

Da war ich platt! Es rannen tatsächlich ein paar Tränen aus ihren Augenwinkeln und ihr Stimme zitterte.

»Das weiss ich Tony! Ich weiss alles! Ich weiss, was Janine für dich getan hat und das du seither ein ganz anderer Mensch geworden bist! Ich habe mir alles erzählen lassen, wann immer ich konnte. Ich wollte genau wissen, ob es dir gut geht und wenn ich keine solche Schlampe gewesen wäre, hätte ich dich aus dem Loch geholt. Nein, ich hätte dich gar nicht erst hinein geprügelt!«

Beeindruckend. Entweder war sie die beste Schauspielerin, die ich je erlebt hatte, oder sie sprach die Wahrheit.

»Moment mal Gail! Wenn an Weihnachten einer heult, dann bin ich das. Verstanden?«

Sie lachte einmal kurz auf und zog dann die Luft ein, als würde sie sich von etwas befreien.

»Cool Tony. Du bist echt cool.«

Und da war wieder das cool. Hatte dieses Mal ja echt lange gedauert!

»Hey! Ich diesem Körper ist genug Platz für jede Menge Coolness!«

Sie musste lachen und genau das hatte ich damit auch bezweckt.

»Und bevor ich es vergesse, ich nehme deine Entschuldigung an. Unter der Bedingung, dass du nie wieder so einen Blödsinn machst!«

»Cool! Versprochen! Falls ich je wieder so anfange, klatsch mir ordentlich eine, damit ich wieder zur Besinnung komme!«

Also nee, dass würde ich sicher nicht machen. Wenn, dann verbal.

Mir fiel etwas auf. Sie trug noch den Ring, den sie von Roman bekommen hatte. War das alles vielleicht doch eine Finte?

»Wenn du dich von Roman getrennt hast, warum dann noch der Ring?«

Sie schaute auf ihre Hand und das silberne Schmuckstück. Dann schaute sie zu mir.

»Cool, dass dir das auffällt. Also erstens, dass Ding sieht schon gut aus und zweitens, den schenkt er anscheinend allen seinen Weibern. Der war ziemlich teuer und bislang hat er ihn nach der Trennung jedes Mal zurückbekommen. Er hat ihn mir aber geschenkt, also gehört er mir. Als er ihn zurückgefordert hat, hab ich ihm den Vogel gezeigt. Das Ding behalte ich, soll er sich doch bei der Nächsten wieder in Unkosten stürzen. Ausserdem soll er mich dran erinnern, was für ein Arschloch ich war. Hab ich schon gesagt, dass er super gut aussieht?«

Sie grinste.

»Ja, hast du und ja, da hast du Recht! Der sieht gut aus. Besonders an deiner Hand!«

Tony, du Penner! Da klimpert so ein Modepüppchen einmal mit den Augen und du kriegst gleich Gefühle? Schäm dich du Dussel! Gelernt hast du anscheinend ja nichts!

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