Wie war das damals?

Nachdem wir noch ein bisschen geredet und Janine mir die Ernsthaftigkeit ihres Angebotes mehrfach bestätigt hatte, durfte sie endlich weiterschlafen. Ich hingegen hatte zu grübeln. Janine hatte etwas gesagt, was mich zum nachdenken brachte. Nun, eigentlich war es eher ihre Verwunderung, als eine Aussage. Sie war verwundert, dass ich noch Jungfrau war. Warum? Sie kannte mich lange genug und wusste doch, dass ich keinen Stich bei den Frauen hatte. Zumindest nach meiner Meinung. Diese hatte sich über die ganzen Jahre gebildet, weil ich eben keinen Erfolg hatte. Doch, war es wirklich wegen meinem Aussehen?

Ich beschloss, den Pessimisten mal vor der Tür zu lassen und meine Vergangenheit nüchtern zu betrachten. Die ganzen Mädels, von denen ich eindeutige Körbe bekommen hatte, liess ich ebenfalls ausser Acht und konzentrierte mich auf die, bei denen ich lediglich davon ausgegangen war, sie wollten nichts von mir.

Da war besagte Kleine, die sogar mit mir campen wollte und ich Dussel es wegen meinem Freundeskreis hatte sausen lassen. Hätte ich bei ihr Chancen gehabt? Die Frage war gar nicht so einfach zu beantworten, da der Pessimist dauernd einen Fuss in der Tür hatte und ihn zu ignorieren echt schwer war. Aber, ich wollte das alles mal ganz objektiv betrachten.

Punkt eins, sie hatte in der Tat oft den Kontakt zu mir gesucht. Waren wir beide in der Kneipe, war sie dauernd an meiner Seite, wir redeten viel, lachten, hatten jede Menge Spass. An einem Abend wollte sie ins Kino. Irgendeine total bescheuerte Schnulze, auf die ich so gar keine Lust hatte. Sie hatte dafür zwei reservierte Karten und da ihre Freundin nicht mit konnte, hatte sie mich gefragt.

Wenn ich das nun kritisch hinterfragte, gab es da Ungereimtheiten! Erstens, sie hatte nie etwas von besagter Freundin erzählt. Höchst eigenartig, denn normalerweise quasselte sie wie ein Wasserfall. Auch über Dinge, die eigentlich niemanden interessierte! Ich wusste viel über ihren Bruder, ihre Eltern, deren Hund und selbst von einem Pferd, welches sie gelegentlich pflegen und reiten durfte. Warum also, hatte sie nie etwas von besagter Freundin erzählt? Ausserdem, ich kannte ihren Geschmack, was Filme anging. Der deckte sich zwar nicht unbedingt mit meinem, aber solche Schnulzen waren nie zur Sprache gekommen. Konnte das etwa bedeuten, sie hatte das alles inszeniert, um mit mir ins Kino zu gehen? Einen uninteressanten, quasi langweiligen Film? War es vielleicht ihr Versuch, Zeit mit mir alleine zu verbringen und hatte sie vielleicht sogar den Plan, während des Films etwas mit mir zu machen? Kuscheln, oder so? Verdammt!

Punkt zwei war eigentlich noch schlimmer! Sie wollte campen! Mit mir! Zwei Wochen vorher hatte sie unseren Campingausflug mit der Gruppe abgesagt, da sie auf so etwas weniger Lust hätte. Angeblich, weil sie keinen Bedarf an Zelten hatte. Wie ich aber wusste, war es eher ihre Figur, welche sie nicht in einem Badeanzug zur Schaustellen wollte. Warum dann also die Frage, ob ich mit ihr alleine campen wollte? Da wäre ebenfalls der Badeanzug im Spiel gewesen und auch eine Zelt! Exakt! Ein Zelt! Anders ausgedrückt, nur ein Zelt, für sie und mich! Verdammte Scheisse, war ich so dämlich!

Ich forschte nach, ob es denn nicht schon vorher Begebenheiten gab, in denen ich nicht weit genug gedacht hatte. Mir fiel meine Lehrzeit ein. In der Berufsschule war das Verhältnis von Männern zu Frauen unglaublich unausgeglichen. 24 Schüler, 20 Frauen! Die drei anderen Kerle gehörten auch einer eigenen Gruppe an, in die ich nie rein kam. Ergo, ich sass während des Unterrichts neben einem Mädel! Im ersten Lehrjahr änderte sich das ständig. Quasi von Stunde zu Stunde, da wir oft die Säle tauschen mussten. Im zweiten Lehrjahr und auch im dritten sass dann immer die Selbe neben mir. Nicht von mir aus, sie suchte immer sofort den Platz neben mir. War das ein Zeichen? Vielleicht! Damals erkannte ich das definitiv nicht. Ich war in ein Mädel aus meiner Clique verliebt und die hatte natürlich null Interesse an mir. Also wirklich, von der hatte ich einen eindeutigen Korb bekommen.

Als ich weiter nachdachte, kam mir ein Moment in den Sinn, den ich im zweiten Lehrjahr erlebt hatte. Es war Winter, draussen war es bitterlich kalt und auch gegen neun Uhr noch ziemlich dunkel. Ich sagte also zu ihr, am liebsten wäre ich daheim. Von ihr kam als Antwort, dass könnte sie verstehen und wenn ich fahren würde, sollte ich sie mitnehmen. Zusammen könnten wir in mein Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und das Wetter ignorieren.

Boah, was war ich eigentlich für ein Trottel? War ich damals wirklich so verbohrt, dieses eindeutige Angebot nicht anzunehmen? Leck mich am Arsch, war ich ein Depp!

Noch früher, so in der achten Klasse, war in den Pausen immer ein Mädel bei mir und meinen Jungs. Sie war für jeden Scheiss zu haben und wann immer es ging, wollte sie etwas mit mir unternehmen. Auch im Sportunterricht, wenn Gruppen gewählt wurden, sorgte sie immer dafür, in meiner, also der Looser-Gruppe zu sein. Ich war mir nun nicht ganz sicher, ob sie sexuelle Interesse an mir hatte, wir waren beide ja noch ziemlich jung. Aber ernsthaft? Interesse an mir hatte sie und ich Vollpfosten hatte es nicht gemerkt!

Meine Güte, die Gedanken waren erschütternd! War ich tatsächlich so ein oberflächlicher Vollarsch, dass ich die Mädels, die etwas von mir wollten, gar nicht wahrnahm? Zugegeben, es waren immer Mädels, die nicht gerade auf die Titelseite eines Hochglanzmagazin gehörten. Aber, es waren Mädels! Echte! Die offensichtlich Interesse an mir hatten! Viel schlimmer noch, ich verstand mich doch super mit denen! Warum zur Hölle war ich nur so verstockt? Dann waren sie eben keine Mannequins, aber war das so schlimm? War ich nicht der, der sich immer wieder über Oberflächlichkeit beklagte? Warum konnte mir dann so etwas passieren? Ich hatte diese Mädels vor den Kopf gestossen, ihre Annäherungsversuche ignoriert. Wofür? Weil ich verliebt war, in Frauen, die in einer ganz anderen Liga spielten! Ich tat also mein ganzes Leben genau das, was ich so verachtete, weshalb ich andere Leute kritisierte. Ich war schon ein ganz schönes Arschloch!

Ich fand noch weitere Beispiele! Insgesamt hätte ich, aller Wahrscheinlichkeit nach, insgesamt sieben Freundinnen haben können. Sieben! Ich! Ging ja überhaupt nicht! Einer aus meiner Gruppe, der deutlich besser aussah als ich, erzählte immer, er hätte bislang fünf Frauen in seinem Leben gehabt. Fünf, ich hätte wahrscheinlich sieben haben können! Wie bescheuert war das denn? Ich hätte vielleicht, mal ganz vorsichtig angenommen, mit 15, oder 16 meine Jungfräulichkeit verlieren können! Nicht erst mit 27 aus Mitleid! Das konnte doch nicht wahr sein!

Wahr sein konnte auch nicht, dass ich so lange meinen Gedanken nachhing, bis Janine wieder aufwachte. Die Sonne stand mittlerweile vor dem Fenster und ich erkannte, dass ich tatsächlich die halbe Nacht nachgedacht hatte. Janine musste mir Rat geben. Gut, erst schlug sie die Augen auf, wünschte mir einen guten Morgen und fing an sich zu strecken. Auf eine Art, dass ich mal wieder eine frische Unterhose benötigte. Ganz ehrlich, an diesem Problem musste ich ganz dringend arbeiten! Ging ja gar nicht, dass ich bei jedem halbwegs erotischen Erlebnis gleich meine Ladung abfeuerte! Wie sollte das erst an Silvester werden, wo sich Janine um mein ungenutztes Anhängsel kümmern wollte? Das wäre schon mehrfach vorbei gewesen, bevor es angefangen hatte!

Aber gut. Nachdem ich mich frisch eingekleidet und wir am Frühstückstisch sassen, wollte ich es wissen.

»Janine, ich will dich was fragen und bitte, sei absolut ehrlich!«

Sie biss von ihrem Weck ab, kaute und nickte.

»Denkst du ehrlich, ich hab Chancen bei Frauen?«

Sie kaute und schluckte unter, bevor sie mir antwortete.

»Na klar! Tony, du bist vielleicht kein wirklicher Leckerbissen. Sei mir nicht böse, aber ich soll ja ehrlich sein. Das heisst, bei vielen Frauen, die die freie Wahl haben, wirst du wahrscheinlich abblitzen. Bei allen anderen aber, die nicht nur auf das Äussere schauen, sehe ich da keinen Grund, dass die dich nicht wollen würden. Vielleicht nicht alle, Geschmack und so. Aber ansonsten? Du sagst es doch selbst. Du bist ein toller Mann! Liebevoll, freundlich, zuvorkommend! Du bist lustig, mit dir kann man jeden Scheiss machen und du bist auch für deine Freunde da, wenn sie dich brauchen. Du hast alle Eigenschaften, die sich eine Frau bei einem Mann wünscht. Also, warum solltest du keine Chancen haben?«

Ich schaute an mir runter und sofort kritisierte mich Janine.

»Lass das! Du bist kein Roman, da bin ich ehrlich! Aber jetzt überleg dir mal eins. Ich habe grösstenteils die Wahl bei Männern. Ich habe dir aber etwas versprochen und das nicht, weil du so toll aussiehst! Ich habe es dir versprochen, weil du wirklich ein toller Kerl bist und ich nicht will, dass du immer nur abgelehnt wirst! Ich kann dir nicht versprechen, dass ich so erregt bin, wie bei anderen. Aber, ich muss mich auch nicht betrinken, dir ein Bild von jemand anderes aufs Gesicht kleben, oder eine Augenbinde tragen! Klar soweit?«

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